Wo die Stille um alte Häuser streicht und von dem Aufbruch einer großen Künstlerin erzählt: Trogen, Kindheitsort von Sophie Taeuber-Arp

Links: Sophie Tauber-Arp: Composition désaxée à lignes blanches © https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d3/Sophie_Taeuber-Arp%2C_Composition_désaxée_à_lignes_blanches.jpg und rechts © Anna Albrecht, Trogen, Februar 2025

In einer bitterkalten Januarnacht vor ziemlich genau 82 Jahren starb die Künstlerin Sophie Taeuber-Arp. Die Umstände ihres Todes sind tragisch – ihr Leben und künstlerisches Erbe sind lebendig. Sie wirken besonders an jenen Orten nach, an denen Sophie Spuren hinterlassen hat. Einer dieser besonderen Orte ist das im Appenzellerland gelegene Dorf Trogen. Hier verbrachte Sophie ihre Kindheit und Jugend, unternahm erste Schritte auf dem Weg zur Künstlerin.

Seit Jahren steht der Besuch dieses kleinen Dorfes in der Ostschweiz auf meiner Wunschliste und nun steht er unmittelbar bevor.

 Appenzellerland Februar 2025 © Anna Albrecht

Noch sind die Eindrücke unserer ersten Reisestation Augsburg frisch: ich sehe die sonnengelben Wände der Fuggerhäuser vor mir, die schmucken Wohnbauten der Thelott-Siedlung (gilt als die erste deutsche Gartenstadt), die überbordende Pracht des Rokoko im Schaezlerpalais und die mächtigen Ziegelfabriken alter Textilindustrie. Aber nun lassen wir den Bodensee bereits links liegen und biegen ab ins Hinterland. Während wir in weitläufigen Kurven an Höhe gewinnen, schweift mein Blick über die wellige Weidelandschaft des Appenzellerlandes – kein bilderbuchsattes Grün wie im Sommer, stattdessen winterblasses Weiß, Grau und Grün. Ich bin ganz froh über diese Farblosigkeit, denn es lässt die starken Bilder aus Augsburg mit jeder Kurve mehr verblassen, schafft Raum für Neues. Die Straße wird steiler und enger, der Himmel zieht sich zu und als der Höhenmesser die 1000 Metergrenze überschreitet, können wir kaum mehr die Hand vor Augen sehen.

Appenzellerland Februar 2025 © Anna Albrecht

Da geht es langsam wieder abwärts und hinter einer Kurve taucht ein Dorf auf der Anhöhe auf: das muss Trogen sein! Ich erkenne die Silhouette des Ortes mit dem Kirchturm sofort von den Abbildungen wieder. Großartig! Ich rutsche gespannt auf meinem Sitz hin und her. Immer ist die erste Begegnung mit einem Kunstwerk oder einem Ort, das oder den ich nur aus der Literatur kenne, so aufregend wie ein erstes Date: ich freue mich auf das Kennenlernen, bin gut vorbereitet und auf alles gefasst.

Trogen, Landsgemeindeplatz mit der reformierten Kirche, Februar 2025 © Anna Albrecht

Was weiß ich über Trogen? Dass sich der abgelegene Ort im 18. Jahrhundert von einem abseits gelegenen Bauerndorf zu einem bedeutenden Standort des Leinwandhandels gemausert hat (Textilproduktion wurde als Nebenerwerb im landwirtschaftlich geprägten Appenzell schon seit dem 16. Jahrhundert intensiv betrieben). Dass hier fortan Bildung, Weltläufigkeit und Wohlstand einzogen. Und dass dieser ganze Aufschwung dem kaufmännischen Geschick einer einzigen Familie zuzuschreiben ist, den berühmten Zellwegers. Sie hatten ihren ersten Handelssitz in Trogen begründet, hielten über Generationen und Konflikte hinweg die Fäden der Textilproduktion und des Textilhandels in der Hand, und pflegten trotz wachsender Verbindung zu den internationalen Märkten ihren festen Standort im kleinen Dorf.

Trogen, Landsgemeindeplatz. Er wurde von der Familie Zellweger im 18. Jahrhundert umgestaltet. Sie ersetzte die alten Holzbauten durch neue Steinhäuser: von links nach rechts: Doppelpalast der Zellweger, die Kirche, die “Krone”, das Rath- und zuletzt das Gemeindehaus © https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/ba/Jahrhundert_der_Zellweger_Trogen_Landsgemeindeplatz_KB-036713.jpg

Nun aber schleunigst zu Sophie, denn längst haben wir Trogen erreicht. Als wir aus dem Auto steigen, schlägt uns Kälte und Stille entgegen – letztere kann man fast fühlen. Viele Häuser haben ihre Fensterläden geschlossen und kaum ein Mensch ist auf der Straße unterwegs. Aber das stört mich nicht, auf geht’s zur Spurensuche! Was weiß ich über Sophie?

Sie ist die jüngste unter den vier Geschwistern und gerade mal zwei Jahre alt, als ihr Vater an Tuberkulose stirbt. Damals leben die Taeubers in Davos, weit weg von der Familie der Mutter, die nun eingreift. Es ist Sophies Onkel, der seine verwitwete Schwester samt Kinderschar 1895 nach Trogen holt. Inzwischen ist Sophie sechs Jahre alt. Wie verkraftet sie den Tod des Vaters, den Umzug vom mondänen Davos ins weit entfernte Trogen? Darüber weiß ich nichts, aber ihre Mutter, eine kluge und künstlerisch begabte, zupackende Frau sorgt dafür, dass es den Kindern in der neuen Heimat gut geht. Sie schafft es, ein Haus nach ihren eigenen Vorstellungen bauen zu lassen und betreibt eine Pension für auswärtige Kantonsschüler, sichert damit den Lebensunterhalt der Familie. Schon nach wenigen Schritten stehen wir vor Sophies Wohnhaus am steilen Abhang: Stattlich sieht es aus mit seinen (trotz des trüben Tages) leuchtend roten Wänden, den hellgrünen Fensterläden und dem weit überstehenden Dach mit den im Schweizer Stil geschnitzten Ziergiebeln. Geborgenheit, Geschmack und ja, Wohlwollen drückt es irgendwie aus.

Trogen, Sophie Taeubers Wohnhaus, Februar 2025 © Anna Albrecht

Gleich stelle ich mir vor, wie die Geschwister die Treppe hoch und runtertoben, im Garten heimlich von den Aprikosen naschen und sich kichernd über die Gymnasiasten lustig machen. Und Sophie? Wo lag ihre Schlafkammer, wie hat sie sie eingerichtet? Wovon träumt sie? Sitzt sie mit dem Stickrahmen auf der Veranda, währen der Regen aufs Dach trommelt? Was ist das für eine Kindheit, die Sophie in Trogen verlebt? Vermisst sie den Vater, den sie kaum kennenlernen durfte oder lebt sie sorglos in den Tag hinein, stromert durch die Natur, die hier im Überfluss vorhanden ist? Natürlich geht sie in die Schule, für gute Bildung ist im wohlhabenden Trogen ausreichend gesorgt und die Mutter tut alles dafür, damit sich ihre Kinder zu selbstständigen und aufgeschlossenen Menschen entwickeln. Sie lesen, tanzen und musizieren, lernen französisch. Ob es der Mutter gefallen hat, dass der älteste Sohn auch gleich ganz hinaus in die Welt zieht und Seemann wird? Er schickt Grüße aus Südamerika und trägt seine Eindrücke von der Kunst und Kultur der indigenen Völker Südamerikas mitten ins Herz des Appenzellerlandes. Sophie begeistert er mit seinen Erzählungen und Mitbringseln. Sie lässt sich nachhaltig davon inspirieren, in ihrem Zimmer hängen lange die Bilder verschiedener Häuptlinge.

Während wir langsam den Ort durchwandern, an vielen wunderschönen alten Giebelhäusern im Schweizer Stil vorbeikommen,

Trogen, Februar 2025 © Anna Albrecht

von denen manche Schuppen tragen wie die Fische, frage ich mich, welche Wege Sophie wohl wählt, wenn sie zur Schule läuft oder eine Freundin besucht. Was geht ihr durch den Kopf, während sie durch die Straßen läuft? Hat sie ein Auge für die Oberflächen der Materialien der Häuser,, die Gliederung der Häuser, die Pilaster und Fensterreihen?

Trogen, Februar 2025 © Anna Albrecht

Kommt sie hier und da auch mal durch die Oberdorfgasse, wo die Weberfamilien wohnen? Ihre Häuser sehen so ganz anders aus als die üblichen Bauernhäuser: das Kellergeschoss weist eine Reihe kleiner Fenster mit Klappläden auf. Dahinter sitzen meist die Männer an ihren Webstühlen, tagein tagaus gehen die Schiffchen hin und her, egal wie kalt oder feucht es ist – ein ungesunder Arbeitsplatz, wie man schon damals weiß! Da haben es die Frauen, die in dem kleinen Nebenraum der großen beheizten Wohnstube ihrer Arbeit nachgingen, schon viel besser. Hier spulen und spinnen sie mit ihren Kindern die Wolle, hier nähen und sticken die jungen Mädchen bei trübem Licht, aber mit guten Augen die kompliziertesten klassischen Muster der Region – alle Hände werden gebraucht in den emsigen Weberhaushalten, die kein anderes Auskommen haben. 

Trogen Februar 2025 © Anna Albrecht

Sophie stellt sich ihr Leben anders vor und genauso sieht es auch die Mutter, die das künstlerische Geschick ihrer Tochter früh erkennt. Wenn Sophie die Nadel in der Hand führt, zeigt sie ein ganz eigenwilliges Gespür für andere Farben und neue Formen. Sie abstrahiert die klassischen Muster zu neuen Ornamenten. Behutsam fördert die Mutter den kreativen Sinn der jüngsten Tochter. Und als es an der Zeit ist, denkt sie darüber nach, wie sie Sophie einen Weg in die Zukunft bahnen kann, ohne sie dem eintönigen Schicksal einer Weißstickerinnen auszuliefern. Da kommt eine große technische Neuerung wie gerufen! 1903 erhält Trogen Anschluss an die Welt: die elektrische Straßenbahn, die Berg und Tal, Trogen und St. Gallen miteinander verbindet, wird eröffnet. Genial! Denn nun kann Sophie auf die École des Arts Décoratifs in St. Gallen gehen. Dort erlernt die Sechzehnjährige das Entwerfen und Zeichnen des textilen Kunsthandwerks von der Pike auf und als sie im September 1910 ihr Abschlusszeugnis in die Hand gedrückt bekommt, trägt es die Note ‘sehr gut’! Und nun? Ihre Mutter kann Sophie nicht mehr um Rat fragen, denn die ist inzwischen gestorben. Aber ihre kraftvolle Stimme hat sie noch im Ohr: „Nur den Mutigen gehört die Zukunft!“ Also beginnt sich die junge Frau umzuhören. Denn sie ahnt, sie ist zu mehr berufen als “nur” zur Weißnäherin. Und so entscheidet sie sich für ein Studium an der Kunst- und Gewerbeschule Debschitz im fernen München. Warum? Hier bringt man freie und angewandte Kunst unter einen Hut. Das gefällt Sophie sehr und mir gefällt, dass dieser kleine Bahnhof, von dem Sophie damals aus der Stille des Dorfes in die ungestüme Welt aufbrach, heute ihr Erinnerungsort ist.

Trogen, Bahnhof Februar 2025 © Anna Albrecht

In dem kleinen Warteraum haben liebevolle Hände eine Fotocollage über Sophies Leben zusammengestellt. Sie gibt viele Antworten auf Fragen, die man nicht nachlesen kann: Was für ein Kind, was für ein Mensch, was für eine Künstlerin war Sophie? Eine verträumte und nachdenkliche Seele, ein fröhliches und verspieltes Kind, eine lebhafte und humorvolle Frau, die in Masken auftritt und Kostüme schlüpft, zur Tänzerin geboren ist. Und eine Künstlerin, die sich in gleichgesinnter Gesellschaft am wohlsten fühlt. Sie stickt, fädelt und näht, zeichnet, malt und entwirft Mode, Innenräume und Häuser, sie arbeitet als Lehrerin und gibt eine Zeitschrift heraus, mit anderen Worten, sie steuert ihr Leben ruhig und sicher durch stürmische Zeiten. „Hold, licht, wahrhaft, unbestechlich, entschieden und klar“, beschreibt sie ihr Ehemann, der berühmte Bildhauer Jean Arp, an dessen Seite sie ihr künstlerisches Leben verbringt. Und nun?

Trogen, Collage im Wartesaal des Bahnhofs Februar 2025 © Anna Albrecht

Satt an vollen und starken Bildern, verlasse ich den Warteraum und falle sofort zurück in die Stille des Ortes (müsste es nicht andersherum sein?), da geht mein Blick nochmal zurück auf das Zitat in der Wandmitte: „Trogen, diese Stille, als ob man aus der Welt wäre“, schrieb Sophie 1911 an ihre Schwester aus München. Ist es die ungewöhnliche Stille des Ortes, aus der Sophie ihre Kreativität schöpfte? War es in Trogen schon immer so, oder ist mein Empfinden ein Zufall? Auf jeden Fall schafft die Stille eine Leere, in der wir die vielen Geschichten eines Ortes hören können und ich ahne, dass dieses Dorf noch viel mehr Geschichten zu erzählen weiß: von hart schuftenden Webern und emsigen Weißnäherinnen, von einer berühmten Frauenrechtlerin und wohlhabenden Kaufmannsfamilie – von einem ganz normalen Alltag, der irgendwo dazwischen stattfand.

Trogen, Collage im Wartesaal des Bahnhofs, Februar 2025 © Anna Albrecht

Zurück auf dem Landsgemeindeplatz schauen wir uns nochmal um: die vornehmen Steinhäuser der Zellweger geben sich ebenso geschlossen wie die Kirche. Auch für Sophies Wanderweg haben wir leider keine Zeit mehr, aber das Waschhaus suchen wir auf: hier gibt es anschaulich aufbereitete Informationen zur Dynastie der Zellweger und der Textilfabrikation im Appenzellerland. Aber plötzlich merke ich, wie die Kälte meine Konzentration aufgesaugt hat – höchste Zeit für einen Kaffee! Zum Glück hat das Bistro auf dem Landsgemeindeplatz geöffnet. Und hier begegnet mir Sophie ein letztes Mal. Sie lädt uns ein in die kleine Gaststube, die ihren Namen trägt und mit ihren Bildern ausgestattet ist. Ich fühle mich sofort geborgen, fast wie zuhause, jetzt, wo ich dieselben Wege wie Sophie gelaufen bin, ihr Wohnhaus kenne und mit ihr die Stille geteilt habe - die Stille ihres künstlerischen Ursprungs.

Trogen, Bester Kaffee in der Krone, Februar 2025 © Anna Albrecht

Als Trogen im Rückspiegel verschwindet, schließe ich im Beifahrersitz die Augen und lasse die Bilder dieses Morgens nochmal vorüberziehen – Trogen im Februar, grau, still, zauberhaft.

Wie aus der jungen Frau Sophie eine Künstlerin wurde, die als eine der großen Protagonistinnen des DADA gilt, jener literarischen und künstlerischen Bewegung, die 1916 aus der Zerstörung des ersten Weltkrieges heraus, dem Sinn des Unsinns Gehör verschaffte, davon erzähle ich das nächste Mal. Denn nach den Stationen München, Hamburg und Zürich ließ sich Sophie in einem Vorort von Paris nieder, in einem von ihr selbst entworfenen Haus, das sie auch selbst möblierte. Der Besuch des Künstlerhauses in Clamart (Meudon) gehört zu meinen schönsten Kunsterlebnissen aus der Pariser Zeit.

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Wenn der See Winterschlaf hält, erwacht Fogazzaros „Alte kleine Welt“

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MIT DEM LICHT MALEN ODER: “MACH DOCH EINFACH MAL BLAU”!