Wenn der See Winterschlaf hält, erwacht Fogazzaros „Alte kleine Welt“
Lago di Lugano gegen Westen, im Hintergrund die Bergsilhouette des San Salvatore, Februar 2025 © Anna Albrecht,
Oft werde ich gefragt, welche Jahreszeit die beste Reisezeit für die oberitalienischen Seen – für den Lago di Lugano ist. Die lapidare Antwort lautet: jede Jahreszeit! Das hängt einfach davon ab, wie und womit man am liebsten seine Zeit verbringt. Was man von einem Urlaubsort erwartet.
Der Frühling: Nirgendwo ist sein Auftritt so zauberhaft wie im Tessin. Wenn Mörike sein blaues Frühlingsband durch die Täler flattern lässt und anschließend in die Berge schickt, dann erweckt es alles zum Leben: Die Fische im See, die Pflanzen in feuchten Schluchten und dunklen Spalten, die Hotels am Ufer, die Herzen der Menschen. Es sei denn, das blaue Band verheddert sich. Dann kann auch wochenlang der Regen gegen die Fensterscheiben schlagen.
Der Frühling, Mai 2023 © Anna Albrecht
Der Sommer kommt umso leichtfüßiger daher, heiter und freudig, wie die Grille. Und wenn sein hitziges Temperament doch mal mit ihm durchgeht, dann tobt er sich mit Blitz und Donnergrollen aus, dass es einem ganz bange wird, aber am nächsten Tag setzt er sein heiteres Dasein fort, als wäre nichts geschehen.
Der Sommer, 2023 © Anna Albrecht
Der Herbst? Er trägt alle nur erdenklichen Farben, kriecht die Hänge der Berge hoch, duftet nach letzter Rose, Holzfeuer und schmeckt nach gerösteten Maronen – Zeit der Einkehr!
Der Herbst, Blick nach Osten, im Hintergrund erhebt sich die Grigna am Comer See gelegen, Herbst 2023 © Anna Albrecht
Und der Winter? Eine Offenbarung, jedenfalls für mich! Im November fällt der Lago langsam in den Winterschlaf, aber nun kommt in den Dörfern am Seeufer wieder das Leben zum Vorschein, das im sommerlichen Trubel untergeht. Etwas von der alten Seele wird wach, der Antonio Fogazzaro in seinem Roman ‚Antico piccolo mondo‘ eine so unvergessliche Stimme verliehen hat.
Der Winter, Dezember 2023 © Anna Albrecht
Von Dezember an erzählen Hunderte von bunten Lichterketten und farbenfroh bestückte Krippen in Gärten, Gassen und Kirchen vom heiligen Geschehen zwischen den Seen, liebevoll und fröhlich – so, wie es schon immer war.
Presepio (Krippe) in dem Bergdorf Castello di Val Solda, Winter 2022 © Anna Albrecht
Ebenso selbstverständlich wie das Weihnachtsfest kommt und geht, naht und vergeht auch Silvester, denn die Zukunft scheint aus der unergründlichen Tiefe des Sees zu kommen. Er ist hier die Mitte, der Maßstab – spiegelt die Vergangenheit und Gegenwart aller Generationen, die an seinem Ufer lebten und leben. Es ist der See, dem sie ihre Sorgen und Wünsche anvertrauen wie einem Freund.
Silvester 2024 © Anna Albrecht
Antonio Fogazzaro (1842-1911) ist einer der Schriftsteller, der dem Luganer See einen ganzen Roman gewidmet hat. Dabei machte ihn das Werk mit dem Titel „Antico piccolo mondo“ von 1895 (zu deutsch: „Die Kleinwelt unserer Väter“) berühmt. Zu meinem großen Glück wurde dieser Roman des etwas in Vergessenheit geratenen Dichters soeben in einer neuen Übersetzung von C. H. Beck neu aufgelegt.
Antonio Fogazzaro: Die Kleinwelt unserer Väter. 1895, neu übersetzt von Maria Gliardi, Neuausgabe von Karl-Maria Guth, Berlin 2022 © Anna Albrecht
Die Geschichte des Romans spielt in den Jahren vor dem Zweiten Unabhängigkeitskrieg (also vor 1859), erzählt von der Liebe zwischen dem jungen Adligen Franco Maironi und der bürgerlichen Luisa Rigey und spielt in den Dörfern am Luganer See: Albogasio, Castello, Mamete... Dass diese Liebe und Ehe einen tragischen Verlauf nimmt, passt wohl in diese kriegerische Zeit. Aber das Besondere an der Lektüre ist der liebenswürdige Erzählton Fogazzaros, die Art und Weise, wie er die Landschaft beschreibt, die Launen des Sees, die alten Pfade zwischen den Dörfern, die Gepflogenheiten und Eigenarten ihrer Einwohner. Darin entdecke ich Vertrautes, sehe aber auch viel Vergessenes: Namen von Plätzen, Orten und Villen, die ich noch nie gehört, geschweige denn gelesen habe – Spuren in eine vergangene Welt, denen ich nur allzu gern folgen würde.
Albogasio Superiore , Februar 2025 © Anna Albrecht
Dass die Villa, in der der Schriftsteller Antonio Fogazzaro einst gelebt, geschrieben und in den Sommermonaten zahlreiche Gäste empfangen hat, nicht nur erhalten ist, sondern dank der Umsicht seines Ururenkels auch in Oria besichtigt werden kann, ist ein weiterer Glücksfall. Schon der Weg zur Villa ist traumhaft schön: er führt von der befahrenen Uferstraße über steinerne Stufen an dunklen Zypressen und duftenden Pinien hinab bis an den plätschernden See. Hier ist es der Balkon der Villa, der als erstes ins Auge fällt und so sehr unserem romantischen Klischee eines perfekten Schreibortes entspricht, dass es unglaublich scheint und doch wahr ist, wie wir bei der Führung durch die Villa erfahren.
Oria mit dem Balkon der Villa Fogazzaro, November 2023 © Anna Albrecht
Der Eingang zur Villa führt über eine mindestens so romantische Terrasse ins kühle Innere des Hauses. Hier entspricht die gesamte Ausstattung einschließlich der Bibliothek und des ‚Salone Siberia‘ (so benannt nach der sibirischen Kälte, denn der Raum ließ sich wohl nicht ausreichend heizen), so sehr dem Geschmack des 19. Jahrhunderts, dass man sich kaum mehr wunderte, wenn Franco und Luisa, die beiden Liebenden aus dem Roman, gleich in der Türschwelle auftauchten und uns in den Salon bitten würden. Hier wird Fogazzaros Roman noch einmal lebendig, wie die stürmischen Fahrten über den See, die er schildert, samt der Zwänge einer Gesellschaft, die in ganz anderen Kategorien dachte und handelte als wir es heute tun.
Salon, Korridor und Bibliothek der Villa Fogazzaro, November 2023 © Anna Albrecht
Nach diesem kleinen Exkurs nun aber flink zurück zu unserer „alten kleinen Welt“ im winterlichen Monat Februar: Die Temperaturen klettern jetzt nur selten über 10 Grad und nachts ist es auch noch kalt, aber sobald die Sonne den winterlichen Dunst über dem See vertreibt, wird es richtig warm, das lockt die Menschen aus der Kälte ihrer Steinhäuser in die Wälder, Gärten und auch an den See. Während ich mich treiben lasse, sind die anderen geschäftig: Das im Herbst geschlagene Holz wird aus dem Wald geholt, über steile Stufen und alte Maultierpfade in die Höfe gekarrt. Dort wird es fein säuberlich gespalten und gestapelt, Gartengeräte und -möbel werden repariert, Messer geschliffen und Gemüsebeete vorbereitet, Wände neu verputzt und gemalert.
Castello die Vals Solda, Februar 2025 © Anna Albrecht
Auch wenn die meisten Einheimischen hauptamtlich einem Bürojob nachgehen, einem Handwerk oder in der Gastronomie arbeiten, das Gartenstück mit Hühnern und Gemüse findet sich allerorten, auch auf engstem Raum. Selbst die Tiere haben ihren alten Platz in der Mitte der Gemeinschaft behalten – sicher mehr aus Gewohnheit als zum Nutzen ihrer Besitzer. Das Blöken der Schafe, das Schreien der Esel oder Gegacker der Hühner mischt sich in den alltäglichen Klangteppich aus Motorsägen, Autohupen und Glockengeläut. Herrlich! Nur die Hähne kommen mit ihrem Krähen meist etwas spät aus dem Stall. Wer weiß schon, warum. Vielstimmig ist die Tonleiter einer traditionell bäuerlichen Gesellschaft, die sich selbst zu ernähren und zu helfen weiß. Es bleibt zu hoffen, dass dieses bäuerliche Wissen, wie setze ich die Steine einer Mauer, wie die Balken für ein Dach zusammen, wie lege ich ein Gemüsebeet an oder schleife meine Messer, auch in die jüngere Generation hineingetragen wird. Zumindest hat dieses Wissen der Alten hier mehr Überlebenschancen als bei uns, denn die Familien leben auf den Dörfern auch heute noch eng zusammen, was sich auch an den wiederkehrenden Familiennamen der Dörfer ablesen lässt. Für Kinder und Enkelinnen werden Grundstücke zugekauft, Häuser angebaut und aufgestockt – natürlich alles in Handarbeit – versteht sich von selbst.
Case Bilate 2024 © Anna Albrecht
Was zur italienischen Dorfgemeinschaft unbedingt gehört, ist der tägliche (oft mehrfache) Gang in die Bar, um einen ‚Caffè Espresso‘ an der Theke zu trinken. Kaum zu glauben, dass der Inbegriff der ‚Italianità‘ erst eine Errungenschaft des 20. Jahrhunderts ist. Das heißt, auch jetzt im Februar sind die Bars nicht etwa leer, weil keine Touristen da sind (die sitzen ohnehin meist an den Tischen), sondern jetzt ist die ‚Stunde der Einheimischen‘ angebrochen. Jetzt sind sie ganz für sich. Manche Bar öffnet ihre Theke schon um 5.00 Uhr morgens für die ersten Stammgäste. Natürlich entlarven wir uns sofort mit unserer Bestellung zweier Cappucci con Cornetti, aber so ist auch unsere kleine Welt am frühen Morgen in Ordnung.
Bar La Goccia in Carlazzo, Februar 2025 © Anna Albrecht
Wofür steht die italienische Bar? Sie ist viel mehr als nur ein Ort, an dem man im Vorbeifahren noch schnell einen Kaffee an der Theke hinunterstürzt, sondern sie ist ein Ort der Geborgenheit, der Gemeinschaft, des Zusammenklangs – unverbindlich im Kommen und Gehen, verbindend im Zusammenstehen. Hier hört man zu, kümmert sich umeinander, teilt den Alltag und sicher auch so manche Sorge. Dass das Kommen und Gehen einem ganz bestimmten Rhythmus folgt, davon handelt ein anderer Blogeintrag.
Und was hält das Leben in den kleinen Dörfern noch zusammen? Zum Beispiel das gute alte Ladengeschäft, der ‘Alimentari’ oder ‘Negozio’. Damit meine ich die kleinen Läden, die bei uns ‘Tante Emma’ heißen und von allem etwas führen. Wo man sich kennt und unterhält, sich nach Mutter und Kindern erkundigt und der eigenen Gesundheit. Es gibt sie auch hier immer seltener, aber heute habe ich so einen Laden vom alten Schlag entdeckt, in Albogasio. Den müsste man eigentlich sofort unter Denkmalschutz stellen, die Fotos sprechen für sich!
Ladengeschäft in Albogasio, Februar 2025 © Anna Albrecht
Leider greift auch hier in der Region das Ladensterben um sich, während sich die Supermärkte im Tal ausdehnen. Auch so alte Institutionen wie die Boccia-Bahnen verschwinden aus dem Dorfbild, vermoosen, verwildern oder schlimmer noch: sie werden in Parkplätze umgewandelt. Von einer lebhaften - auch gastronomischen Vergangenheit der Dörfer erzählen die vielen verblassten Inschriften an verwitterten Hauswänden: da ist die Rede von Ristorante (Restaurant), Trattoria (Gasthaus), Osteria (Wirtshaus), von Panificio (Bäckerei), Negozio (Lebensmittelgeschäft) oder Tabacaio (Tabakladen). Klangvolle Namen, deren Besitzer im Laufe der Zeit abhanden gekommen sind. Niemand scheint sie mehr ersetzen zu wollen.
Castello di Valsolda, Februar 2025 © Anna Albrecht
Andere Einrichtungen schließen ihre Türen und Läden nur während der Wintermonate. So zieht spätestens an Ostern im alten Traditionshotel Stella d’ Italia in Mamete wieder das volle Leben ein. Der Besuch seiner Terrasse ist ein absolutes Muss für jeden Reisenden, der etwas auf sich hält. Ob man nur einen Cappuccino trinkt oder ein ganzes Menü verspeist, man wird stets zuvorkommend und höflich von einem Ober alter Schule bedient. Und nebenbei gesagt: gleich gegenüber unter den Arkaden gibt es einen kleinen unscheinbaren Laden, der köstlichstes Gebäck verkauft - im Hinterraum selbst gebacken.
Hotel Stella d’ Italia in Malente di Valsolda © Anna Albrecht
Nur eine Sache fehlt mir im Februar: das sind die Angler am Seeufer. Sie, die meist in die Betrachtung ihres Lagos versunken sind und sich im Schweigen auch genügen, gehören einfach ins Bild der Uferstraße. Denn die Angel, so habe ich den Eindruck, ist nicht unbedingt ein Sport, sondern mehr eine alte Gewohnheit – so wie das Halten der Esel, Hühner und Schafe. Denn auch hier darf man nicht vergessen, dass Oria, Albogasio, Cima und Porlezza alte Fischerorte sind und keine Touristennester, wie man im Sommer manchmal denken könnte. Und wieder ist es Antonio Fogazzaro, der dieser beschaulichen Gepflogenheit ein vielstimmiges Denkmal gesetzt hat:
„Der Herr Einnehmer schleuderte zuerst nach Westen zwei an einer Spitze befestigte Angelhaken, zwei verräterische Bissen Polenta, so weit vom Ufer entfernt, als er nur irgend konnte; und als die Schnur schön ausgestreckt und der Kork gewissermaßen friedlich sich verankert hatte, lehnte der K. K. Mann die Angelrute vorsichtig gegen die Mauer, setzte sich und versank in Betrachtung. Östlich von ihm kauerte auf dem bescheidenen Steindamm der Finanzwächter, den sie damals den „Sedentarius“ nannten, vor einem anderen Kork, rauchte seine Pfeife und war in Betrachtung versunken. Wenige Schritte weiter saß der alte, ausgemergelte Cüstant, emeritierter Anstreicher, Sakristan, ein Patrizier des Dorfes Oria, auf dem Vorderteil seines Bootes, mit einem turmhohen Zylinder auf dem Kopf, mit der magischen Rute in der Hand, mit den Beinen im Wasser baumelnd, die Seele auf seinen Kork konzentriert, in Betrachtung versunken.” Und so fort…
Lago die Lugano am Ufer von Cima, Februar 2025 © Anna Albrecht
Im Winter zeigt sich das alte Leben der kleinen Dörfern so klar wie sein Wasser, das uns nur um diese Jahreszeit einen Blick in seine Tiefe gewährt, im heißen Sommer trübt sich der See rasch ein.
Winter am Lago, eine kleine beschauliche Welt abseits der großen und doch mit allem ausgestattet, was das Dasein braucht, um mitten im Leben zu sein.