MIT DEM LICHT MALEN ODER: “MACH DOCH EINFACH MAL BLAU”!

Cyanotypie Sabine Svitak nach Fotovorlage von Heike Preier, August 2024 © Archiv Anna Albrecht

Kaum, dass wir aus der Altstadtgasse mit ihrem ewig dahintaumelnden Touristenstrom in Richtung Fluss abbiegen, verlaufen sich die Menschen und die Brise vertreibt die letzten Alltagsgedanken. Kurz darauf macht sich schon jene Vorfreude breit, dieses unbändige Kribbeln, mit dem in Kindertagen jeder Ferienmorgen begann. Es kitzelt die Erinnerungen wach: sommerschwarze Füße im taunassen Gras, Radtouren über holprige Feldwege, Kirschsuppe mit Grießklößchen und Salzlakritz... Und genau mit diesem Gefühl radle ich nun an der Regnitz entlang und freue mich auf das, was mich erwartet an diesem sonnigen Freitagnachmittag, an dem wir einfach mal „blau machen“. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Geschichte hinter der Redensart erinnert nicht nur daran, dass die Färber, die am Sonntag ihre Wolle ins Farbbad legten, am Montag zum Pausieren gezwungen waren (die Wolle musste dann ja trocknen und färbte sich an der Luft blau, daher „Blauer Montag“), sondern diese Geschichte beschreibt auch das, was uns Künstlerfreundin Heike Preier für heute versprochen hat: einen Ausflug in die geheimnisvolle Welt der Cyanotypie. Schwingt in der Wortmelodie nicht schon die ganze Verheißung mit?

 Von Bäumen bewachtes Gartenatelier, August  2024 © Anna Albrecht

Als wir mit unseren Rädern knirschend auf die Einfahrt rollen, liegt unsere Freundin noch entspannt im Liegestuhl, mitten in ihrem kleinen Garten, der von alten Bäumen umgeben, sich heute in unser Atelier verwandelt. Nach der fröhlichen Begrüßung – wir sind alle aufgeregt wie kleine Kinder am Vorweihnachtsabend – mahnt unsere Gastgeberin zur Eile, denn für die Cyanotypie brauchen wir Zeit und SonnenlichtLicht, heißt es. Und wie geht es weiter?

Zum Glück haben wir in Heike nicht nur eine Archäologin und Künstlerin, sondern auch eine fürsorgliche Pädagogin, die bereits alle notwendigen Vorbereitungen getroffen hat: Die herausgesuchten Motive bearbeitet und auf Folien kopiert, die entsprechenden Chemikalien prepariert, mit denen die Papiere bestrichen werden und Aquarellpapiere hat sie uns in jeder Größe schon zur Auswahl ausgelegt, nun weiht sie uns in die Geheimnisse der Cyanotypie ein, den Eisenblaudruck.

Cyanotypie Anna Albrecht nach Scherenschnitt von Elisabeth Suhr, August 2024 © Anna Albrecht

Ein in die Jahre gekommenes fotochemisches Verfahren, das mit Licht und Chemie arbeitet und zu Beginn des 19. Jahrhunderts in den wissenschaftlichen Veröffentlichungen der englischen Botanikerin Anna Atkins seine künstlerische Vollendung fand. Es sind die tiefblauen Unterwasserwelten der Engländerin, die einen augenblicklich in den Bann ziehen. Auch diejenigen, die sich nicht für Botanik und Kunst interessieren – versprochen! Denn die Pflanzen und Muscheln, die Anna mit Hilfe der Cyanotypie abbildet, sind mehr als wissenschaftliche Illustrationen. In ihren kleinen blauen Monochromien verdichten sich unergründliche Tiefe, sattes Meeresblau und zarte Pflanzenwelt zu jener Poesie, die der Imagination viel Raum lässt.

Da wäre zum Beispiel die Begegnung mit der schlichten Braunalge Dictyota dichotoma, einem Gewächs, das sich am Spülsaum unserer Meere und Ozeane häuft und in der Regel übersehen, bestenfalls mit einem Nasenrümpfen wahrgenommen wird. Das wird niemandem mehr passieren, der jemals die Bekanntschaft von Annas Braunalge gemacht hat. In ihren Händen verwandelt sich die Unscheinbare in ein geheimnisvoll blassblau schimmerndes Lebewesen voller Anmut, das in den unergründlichen Tiefen des Meeres seine Wege zieht – Meeresbotin im wissenschaftlichen Auftrag und kein Fußabtreter am Meeressaum.

Cyanotypie Anna Atkins, Braunalge Dictyota dichotoma, © https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c4/Anna_Atkins_algae_cyanotype.jpg

Tatsächlich gehört das berühmte Lichtbild der Braunalge zu einem Buch, das berühmter sein sollte, als es heute ist. Nicht nur, weil es weltweit in lediglich dreizehn Exemplaren erhalten ist, sondern weil es das erste Buch der Welt ist, in dem alle Illustrationen mit fotografischen Mitteln hergestellt worden sind. Es handelt sich dabei um das Werk British Algae: Cyanotype Impressions, das 1843 unter dem Pseudonym A. A., den Initialen für Anna Atkins, erschien.

Wie es dazu kam? Schon mit 23 Jahren hatte Anna Atkins 200 Muschel-Illustrationen für ein Handbuch angefertigt, das ihr Vater übersetzt hatte: Genera of shells, ein Werk des französischen Zoologen und Botanikers Jean-Baptiste Lamarck. Aber als Botanikerin sammelte sie selbst alles, was im und am Meer heranwuchs und ihr Herbarium ließ sich wirklich sehen. Aber wie konnte sie es der Öffentlichkeit zugänglich machen? Alle Pflanzen zu illustrieren, das hätte sie einfach zu viel Zeit gekostet. Da geschah etwas, dass Anna direkt in die Hände spielte.

Der Naturwissenschaftler John Herschel erfand das fotografische Verfahren der Cyanotypie. Eine Methode, die mit Chemie und Licht arbeitet, aber keine Kamera braucht und blaue Monochrome hervorbringt. Und dazu braucht es tatsächlich nicht mehr als ein saugfähiges Papier, eine chemische Lösung aus Ammoniumeisen-Citrat plus rotem Blutlaugensalz (Eisensalz), reichlich Sonnenlicht, etwas Geduld und eine gute Prise Fingerspitzengefühl.

Anna war sofort Feuer und Flamme und eignete sich die neue zeitsparende und kostengünstige Ablichtungsmethode an. Sie presste Alge um Alge auf die mit der chemischen Lösung bestrichenen Papiere und legte sie in die Sonne. Wenige Minuten später spülte sie die Lösung mit Wasser ab und ließ das Papier trocknen. Zuletzt band sie die auf diese Weise “fotografierten” Blätter zusammen, schrieb ein Vorwort und fertig war ihr erstes Fotobuch. Sie selbst betrachtete es einfach als wissenschaftliche Ergänzung zu William Harveys Manual of the British Algae. Aber das Arrangement der Algen auf den Einzelblättern, die Vielfalt in der Tonigkeit und den Bewegungen, der Sinn für Strukturen und Räume, alles an diesen Illustrationen erzählt so viel mehr als es eine wissenschaftliche Dokumentation allein jemals könnte. Leider sind Annas Bücher von der Wissenschaft kaum bemerkt worden und auch über ihr Leben weiß man nur wenig. Zu Unrecht, denn ihre Cyanotypien sind Kunstwerke, die jedes für sich Geschichten aus der Tiefe der Meere erzählen.

Heute Nachmittag sind wir an der Reihe, dürfen unseren inneren Sammlung an Ideen und Gedanken freien Lauf lassen, Gesichter geben und Geschichten erzählen, wer, wie und was man will. Weniger geübt und begabt, aber voller Elan machen wir uns ans Werk. Das Verfahren erlaubt Versuche, verzeiht Fehler, beflügelt die Fantasie, erfüllt uns mit Schaffensdrang. Und Heike, die als Künstlerin nie davor zurückschreckt, Neues auszuprobieren, ermuntert uns immer wieder aufs Neue, berät und erklärt, wo sie gefragt wird, drängt sich aber nie auf, sondern lässt uns probieren, gewähren. Was für eine großartige Lehrerin!

Belichtungsphase der Cyanotypien 2024 © Anna Albrecht

Mit der Zeit geraten wir alle in eine Art Rausch: finden mit alten Bildmotiven neue Wege, schneiden zurecht, kombinieren aufs Neue, assoziieren anders, vergrößern, überlagern, verschieben, diskutieren, so dass immer wieder andere Ideen und Erzählungen entstehen. Und das Schöne daran?

Verschiedene Stadien und Versuche 2024 © Anna Albrecht

Das gemeinschaftliche Werken unter raunenden Baumkronen und blauem Sommerhimmel, das innerliche Im-Augenblick-Sein und der schöpferische Fluss von dem ersten Gedanken bis zum fixierten Lichtbild.

Sonnenbelichtung auf dem Dach, August 2024© Anna Albrecht

Magisch sind die Momente am Waschbecken, wenn das kalte Wasser über das sonnenwarme Papier rinnt und sich die schüchterne Idee in ein blaugetränktes Bild verwandelt – zart und zauberhaft, kraftvoll und eigensinnig!

Der magische Moment, 2024 © Archiv Anna Albrecht

Noch tropfnass, versprüht das Bild einen Zauber, der nicht zuletzt, weil der Zufall mitgemischt hat und das abbildet, was wir nicht kalkulierten, nicht bedachten. Er drängt sich als unberechenbarer Moment dazwischen und ruft wieder neue Blicke und Bilder hervor…

Trocknen der Cyanotypien, © Archiv Anna Albrecht

Es war ein im wahrsten Sinne des Wortes zauberhafter „Blauer Freitag“ an der Regnitz, der sich bei mir zu den „schwarzen Sommerfüßen“ und staubigen Feldwegen ins Gedächtnis schreiben wird. Tausend Dank, liebe Heike!

Cyanotypien Sabine Svitak,  Stephan Albrecht, Anna Albrecht 2024 © Archiv Anna Albrecht

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Wo die Stille um alte Häuser streicht und von dem Aufbruch einer großen Künstlerin erzählt: Trogen, Kindheitsort von Sophie Taeuber-Arp

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